Die Räder Kopenhagens. Vielfältig, bunt und ausgefallen.

Das befreite Fahrrad

Die vergangene Woche hat mich geprägt. Stärker als fünf  Jahre in München. Ich war in Kopenhagen.

In der dänischen Hauptstadt mit den roten Backsteinbauten lässt sich eine besondere Atmosphäre erleben. Zwischen dem Einfluss nordländischem Designs und englischem Stils bewegen sich die Dänen mit ihrem funktionellen Chic. Sie bewegen sich auf breiten Wegen. Durchdachten Wegen. Regelrechten Straßen. Sie sind Radfahrer.

Natürlich sind die Straßen Kopenhagens auch für den Kraftverkehr konzipiert, aber die Hauptverkehrsachsen sind von weit über 2 m breiten Radwegen gesäumt. Auf ihnen kann man langsamere Biker ohne Gefahr überholen und man ist, nur durch einen schmalen Bordstein von der Straße getrennt, im ständigen Bewusstsein der Autofahrer. Keine Bäume oder Bushäuschen behindern die Sicht, vor allem nicht kurz vor oder nach Kreuzungsbereichen. Parkplätze entlang der Straße sind rar und so bleibt Platz für Fuß- und Radwege. Das Verhalten der Fahrradfahrer ist zwar entspannt und ungezwungen, das Geben von Handzeichen zum Abbiegen und Anhalten ist dennoch usus. Auch wird zügig und sicher ohne Hin- und Herwanken an der Ampel angefahren. Notorische Verkehrsregelignoranten und drängelnde Radlrambos sind unbekannt, da den Radfahrern eine angemessene und anleitende Infrastruktur geboten wird. Diese ermöglicht ein schnelles Vorankommen und vermeidet Konflikte. Der öffentliche Nahverkehr spielt dabei eine große Rolle. Auf jedem der Züge (Regional, Metro, S-Bahn) prangen große Bike-Aufkleber, die Radfahrer geradezu einladen, sich in den geräumigen Abteils niederzulassen.

Radständer und die Befreiung

Platz fürs Fahrrad, auch neben den Straßen. Mittig das Symbol der Befreiung.

Auffallend ist die Liebe zum Fahrrad. Sie äußert sich auch an den Rädern selbst. Zwar sieht man es ihnen an, dass sie häufig bewegt werden, aber man scheint Wert auf klare, aufgeräumte Räder mit einem gewissen Grad an Qualität zu legen. Optische Akzente, wie Ledersättel von Brooks und flächige Rahmen, sind häufig anzutreffen. Alltagstauglich und wartungsarm sollen die Räder sein. Da macht es nur Sinn, dass Nabenschaltungen und Rollenbremsen den Markt in Kopenhagen beherrschen. Dies kann auch beim Thema Licht beobachtet werden. Kaum jemand setzt auf die teuren, aber effektiven Nabendynamos, sondern fast ein jedes Rad ist mit kleinen LED-Lichtern ausgestattet, die durch Magnete in den Speichen induktiv mit Strom versorgt werden (z.B. Reelights). Es scheint ganz so, als ob bewusst Einbußen bei Gewicht und Performance hingenommen werden, um aber ein zuverlässiges Transportmittel zu haben.

Die Räder Kopenhagens. Vielfältig, bunt und ausgefallen.

Die Vielfalt Kopenhagens. Traditionell, mit Kardanwelle, Leder und Holz, einfach und schnell, große Flächen, Vollausstattung, heavy duty, das Leihrad, two tone.

Die Art, wie der Radverkehr in Kopenhagen gestaltet ist, wirkt im direkten Vergleich zu München sehr fortschrittlich. Dabei geht es nicht nur um das Radfahren, sondern auch um das Abstellen. Am Stachus muss man sich im Winter als Radfahrer auf eine lange Suche nach einem Stellplatz begeben. Die Chriskindlstände und Eislaufflächen haben sogar die beiden Fahrradständer in Beschlag genommen, die sonst „großzügig“ zur Aufnahme aller Räder konsumfreudiger Bürger bereitstehen. In Kopenhagen sind auch in der Fußgängerzone immer wieder große Ständer vorhanden. Der Bedarf nach diesen Einrichtungen wurde erkannt, durch einfaches Beobachten. Wenn man am Stachus wild umherstehende Räder beobachtet, könnte doch auch hier ein Bedarf erkannt werden. Wenn am Rotkreuzplatz Radler über den Markt fahren, könnte doch eventuell ein Bedarf nach einer vernünftigen Radspur bestehen. Einfaches Beobachten. Mikael Colville-Andersen von Copenhagenize Consulting nennt das desire-lines. Sein Vortrag bei TEDx in Zürich stellt die Grundidee vor, die Idee von fortschrittlicher Bewegung in der modernen Stadt. Einer wie Kopenhagen.

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4 Gedanken zu “Das befreite Fahrrad

  1. Pingback: Dezember 2012

  2. Im Englischen gibt es jetzt den Begriff Copenhagennice was man im Zusammenhang mit Städten benutzt die Fahrradfreundlich gemacht werden.
    In Berlin gibt es erste gute Ansätze, aber von Copenhagen sind wir immer noch Lichtjahre entfernt.

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